"Der Traum eines österreichischen Reservisten" von C. M. Ziehrer

Zu den erfolgreichsten Kompositionen von Carl Michael Ziehrer zu seinen Lebzeiten gehört zweifellos das große militärische Tongemälde Der Traum eines österreichischen Reservisten.

 

Carl Michael Ziehrer (1843-1922) war Zivil- und Militärkapellmeister bei den Infanterie-Regimentern Nr. 55, Nr. 76 und Nr. 4 und wurde später der letzte Hofball-Musikdirektor der Donaumonarchie (1907 erste Leitung des Hofballorchesters, 1908 Ernennung zur Hofball-Musikdirektor).

 

Als wohl erfolgreichste Periode seines Schaffens und vielleicht der K.u.K. Militärmusik überhaupt gilt seine Zeit als Kapellmeister beim Infanterie-Regiment Nr. 4 „Hoch und Deutschmeister“ von 1885 bis 1893. Viele seiner populären Kompositionen entstanden in diesem Zeitraum, darunter der Walzer op. 382 Faschingskinder (1887), die Polka schnell op. 386 Loslassen!!!! (1887), der Walzer op. 388 Weaner Mad’ln“ op. 388 (1887), die Polka-Mazur op. 416 Lachen, kosen, tanzen! (1888) und der Walzer op. 419 Wiener Bürger (1890). Auch der heute noch viel gespielte Freiherr von Schönfeld-Marsch op. 422 (1890) gehört zu den großen Erfolgen dieser Zeit - auch wenn er neueren Forschungen folgend - schon früher unter anderem Titel entstanden ist.

 

Einer Untersuchung aller erhaltenen Programme dieser Zeit zufolge war allerdings ein anderes Werk das mit Abstand am meisten aufgeführte: das große militärische Tongemälde Der Traum eines österreichischen Reservisten, das am Silvesterabend des Jahres 1890 in Grand Etablissement Stalehner in Wien-Hernals mit großem Erfolg erstmals gespielt wurde. Neben dem „Ronacher“ und dem Etablissement Dreher war der „Stalehner“ das am häufigsten bespielte Vergnügungslokal der Hoch- und Deutschmeister.

 

25 Jahre nach der ersten Aufführung erinnerte sich Carl Michael Ziehrer: „Mit Potpourris, die ich aus den berühmtesten Wiener Liedern zusammenstellte, hatte ich so großen Erfolg, daß ich dieses Genre speziell für meine populären Konzerte pflegte. So entstand das ‚Wiener Lachkabinett‘, und auf diese Weise kam mir auch die Idee zum ‚Traum des Reservisten‘. Auch die textliche Grundlage zu den verschiedenen musikalischen Phasen des Tongemäldes habe ich selbst verfaßt und dasselbe am Sylvesterabend beim Stalehner mit meinen Deutschmeistern aufgeführt … Wie in der Kirche lauschte die Menge bei der Aufführung, brach aber bei den patriotischen Stellen umso mehr in frenetischen Jubel aus. Und nachdem ich geendet - ein brausender Applaus, wie ich ihn noch selten in meinem Leben gehört habe … Oft und oft habe ich den ‚Traum eines Reservisten‘ dann noch gespielt und er hat seinen Weg durch die ganze Welt gemacht. Die größte Ehrung wurde mir aber zuteil, als ich ihn einst - es war im Palais des Erzherzogs Wilhelm - Sr. Majestät, unserem unvergesslichen Kronprinzen und den Mitgliedern unseres Herrscherhauses vorführen durfte. Die huldvollen Worte unseres geliebten Kaisers, die er da an mich richtete, werden mir mein Leben lang in Erinnerung bleiben.“ (Neues Wiener Tagblatt vom 12.3.1915)

 

 

Der Traum eines österreichischen Reservisten ist ein „großes militärisches Tongemälde“, in dem Ziehrer eigene Werke ebenso verarbeitet wie Melodien anderer Komponisten - oft nur in kurzen, wirkungsvollen Ausschnitten. Es handelt sich um Programmmusik im besten Sinne des Wortes. Sie erzählt die Geschichte eines Reservisten, der davon träumt, noch einmal zu den Waffen gerufen zu werden: Vom Feierabend des Reservisten in seinem Beruf als Schmied, über seinen Traum mit der Einberufung, der Tagwache in der Kaserne, den militärischen Alltag und die dramatischen Kriegsszenen bis hin zum abschließenden Besuch des Militärkonzerts im Wiener Prater wird alles musikalisch und lautmalerisch geschildert - bis der Reservist schließlich erwacht und erkennt, dass alles nur ein Traum war.

 

Ziehrer hat die Partitur für Orchester - wie schon sein Biograph Max Schönherr vermutete - wohl auf eigene Kosten drucken lassen und später dem Verlag Gustav Levy übereignet. Erst nach dem Ankauf durch den Verleger Josef Weinberger 1897 erschien die Partitur unter der Platten Nummer 1043 mit den dazugehörigen Orchesterstimmen. Einzelne Teile wurden - teilweise aus urheberrechtlichen Gründen - ausgetauscht. Im Verlag Weinberger wurde u.a. auch eine Klavierausgabe im Arrangement von Hans Krenn publiziert, die allerdings etwas gekürzt wurde. Notenausgaben für modernes Blasorchester sind im Musikverlag Weinberger und im Musikverlag Tatzer verfügbar; die Ausgabe im Musikverlag Tatzer wurde von der Militärmusik Niederösterreich eingespielt und wird in Kürze verfügbar sein.

 

Schon im Jahr 1906 wurde der Traum eines österreichischen Reservisten vom Infanterie-Regiment Nr. 51 stark gekürzt auf vier Schellacks veröffentlicht. In YouTube sind mehrere Aufnahmen vorhanden.

 

Der Traum eines österreichischen Reservisten wurde mehrmals verfilmt, bereits 1915 als Stummfilm, bei dem die Musik live von einem Orchester gespielt wurde.

 

Literatur: Max Schönherr, Carl Michael Ziehrer. Sein Werk - sein Leben - seine Zeit, Wien: Bundesverlag, 1974, S. 610-613; Friedrich Anzenberger, „Das Repertoire der ‚Hoch- und Deutschmeister‘ unter Carl Michael Ziehrer von 1885 bis 1893“, Alta Musica Bd. 22 (2000), S. 31-62.

Herrn Prof. Walter Schwanzer danke ich sehr herzlich für wertvolle Informationen.