Militärkapellmeister Michael Weiß

Michael Weiß kam am 19. November 1878 als Michael Langer, unehelicher Sohn von Elisabeth Langer, der ehelichen Tochter von Ernst und Magdalena Langer (geb. Huber), in Wien zur Welt und wurde am 24. November dieses Jahres getauft. Sein Vater war der „geachtete Musiklehrer“ (Josef Damanski) Michael Gerhard. Michael Weiß studierte am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde Violine und Klavier und soll - wie Damanski schreibt - bereits in jungen Jahren diese Instrumente „mit solcher Fertigkeit gespielt haben, dass er seinem Vater als Stütze dienen konnte.“ Er arbeitete zunächst als Musiklehrer.

 

1897 trat er beim „Geselligkeits-Club des Correspondenz-Bureaus des Postsparkassen-Amtes" in Wien als virtuoser Violinsolist auf, wie ein erhaltenes Dankschreiben bestätigt (Abbildung). Mit Erlass der Statthalterei vom 17. November 1898 (nicht 1896 wie im Österreichischen Musiklexikon festgehalten) erfolgte die Namensänderung von Langer in Weiß. Namensgeber der neuen Familienbezeichnung war der am 3. August 1849 geborene Willibald Weis (sic!).

 

Mit 20 Jahren begann er seinen Militärdienst als Musiker beim K.u.K. Infanterie-Regiment Nr. 23. Mit 1. Jänner 1902 wurde Michael Weiß Militärkapellmeister bei den „45ern“ in Przemyśl (damals Kronland Galizien, heute Polen). Am 19. November 1903 heiratete er die am 12. Dezember 1883 geborene Marianne Mathilde Gartenzaun. Das wohl um 1910 entstandene Foto unten zeigt ihn mit seiner Gattin und mit den Kindern. Am 24. März 1905 hielt Weiß von Prinz Luitpold das Bayerische Militär-Verdienstkreuz.

 

Für den Regimentskommandanten von 1900 bis 1904 beim Infanterie-Regiment Nr. 45, Oberst Alfred Hausenblas, schrieb Weiß den Oberst Hausenblas-Marsch. Ebenfalls bei den „45ern“ entstand der Oberst Stanger-Marsch. Am 10. September 1910 entwarf Michael Weiß eine Notenschreibmaschine, die umfangreiche Beschreibung und mehrere Skizzen dazu sind erhalten. Ob die Notenschreibmaschine auch gebaut wurde, ist nicht bekannt.

 

Vom 1. September 1911 bis zum Ende der Donaumonarchie war Weiß Militärkapellmeister beim K.u.K. Infanterie-Regiment Nr. 94 in Reichenberg in Böhmen (heute Liberec in der Tschechischen Republik). Wie lokale Medien berichten, beteiligte er sich hier mit seiner Kapelle auch am zivilen Musikleben. Bereits am 3. Dezember 1911 berichtete die Reichenberger Zeitung, dass sich Michael Weiß am 10. dieses Monats mit seiner Kapelle beim „zweiten ordentlichen Konzert dieses Winters“ dem Publikum vorstellen wird.

 

Mehrmals wirkte Weiß mit seiner Kapelle bei den Veranstaltungen des Reichenberger Männergesang-Vereines und des Damengesangvereines „Cäcilia“ mit. Auch außerhalb ihres Garnisonortes waren die „94er“ aktiv. Es sind mehrere Auftritte in Gablonz (heute Jablonec nad Nisou in der Tschechischen Republik) nachweisbar. Am 9. März 1913 berichtete die Gablonzer Zeitung über das Konzert der Kapelle am 6. dieses Monats, wo auch Bruckners 7. Symphonie gespielt wurde: „Michael Weiß bot in der Bewältigung der schwierigen Aufgabe, welche die Aufführung der erwähnten Symphonie mit sich bringt, eine bewundernswürdige Leistung, die hinsichtlich der Exaktheit, der Kraft und der Tonfülle und auch einer sehr wirksamen Schattierung sehr weitgehenden Forderungen entsprach.“

 

Für den Regimentskommandanten von 1912 bis August 1914 beim Infanterie-Regiment Nr. 94, Oberst Joseph Zenkl Edler von Bunaberg, entstand der Oberst Zenkl-Marsch. Dieser Marsch ist auch im Nachlass von Eduard Pfleger in der Wienbibliothek als Handschrift des Komponisten (Klavier zweihändig) vorhanden. Weiters komponierte Weiß bei den „94ern“ noch den Oberst Harrer-Marsch und einen Varieté-Marsch. Auch ein Erzherzog Josef Ferdinand Marsch ist nachweisbar (siehe die Motivskizze in der Abbildung).

 

Am 14. August 1913 erhielt Michael Weiß das Heimatrecht in Wien. Die Reichenberger Zeitung schrieb am 2. August 1916, dass Michael Weiß ein Lied mit dem Titel Widmung bei Josef Eberle in Wien (Abbildung Titelblatt) veröffentlicht hat, das dem Regiment der „94er“ zugeeignet ist und dessen Reinertrag (1 Krone, 50 Heller) dem Invalidenfonds des Regiments zugute kam.

 

Mit 5. Dezember 1917 wurde Michael Weiß das „Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Band der Tapferkeitsmedaille“ „in Anerkennung vorzügl. Dienstleistung v.d. Feinde“ zuerkannt (Abbildung unten). Ein Foto mit unbekannten Offizieren, das offensichtlich in den letzten Monaten seiner Dienstzeit entstanden ist, zeigt ihn mit dieser Auszeichnung (ganz rechts). Außerdem erhielt Weiß die Jubiläums-Erinnerungsmedaille und das Militär-Jubiläumskreuz.

 

Wie bei den K.u.K. Militärkapellmeistern üblich, mussten die beim Regiment verwendeten Kompositionen und Arrangements beim Regiment verbleiben. Aus seiner Militärdienstzeit ist lediglich ein Skizzenbuch erhalten. Es verweist auf Märsche, Walzer (ErinnerungMariannen-WalzerZwei Seelen, ein Gedanke) und Polkas (Das Bettelkind, Polka-Mazurka), Lieder und Potpourris, die von Michael Weiß komponiert wurden, oft ist nur eine einstimmige Melodiezeile vorhanden. Teilweise existieren auch Anweisungen für die Ausarbeitung der Skizzen, die in der Regel durch Unteroffiziere ausgeführt wurde.

 

Mit 1. Juni 1919 wird Michael Weiß in den Pensionsstand des Militärkapellmeister-Pensionsvereins versetzt. In seinem Nachlass sind einige Unterlagen erhalten, die seinen weiteren beruflichen Werdegang skizzieren.

 

Von 1. September 1919 bis 30. April 1920 leitete er eine „Künstler-Kapelle“ mit neun Musikern im Café Splendide in Wien in der Jasomirgott-Straße 3 im ersten Bezirk, spielte ernste und heitere Musik, trat auch als Solist auf und „erfreute sich beim Publikum besonderer Sympathien“ wie das Zeugnis verrät. 

 

Vom 1. Mai 1920 bis 14. November 1923 hatte Michael Weiß zwei parallele Engagements in Wien: Als Leiter eines Salonorchesters mit zwölf Musikern trat er laut Zeugnis „als routinierter und erfahrener Dirigent“ im Hotel „Zum goldenen Kranz“ in der Singerstraße 13 im ersten Bezirk auf. Im Etablissement-Café Ritz in der Spiegelgasse 10 - nur wenige Minuten vom ersten Auftrittsort entfernt - spielte er mit „zehn bis zwölf“ Musikern.

 

Auch außerhalb seiner Heimatstadt sind Verpflichtungen nachweisbar: Am 1. Mai 1925 bis zum 12. September dieses Jahres musizierte Weiß „zur vollsten Zufriedenheit“ im „Grand Hotel de l’Europe“ in Badgastein.

 

In der „Diskographie der österreichischen Populärmusik. Erfassung österreichischer Tanz-, Jazz- und U-Musikaufnahmen 1900-1958“ auf www.phonomuseum.at scheint die „Künstlerkapelle Michael Weiss, Wien“ um 1926 mit einer Aufnahme des Tangos aus Franz Lehárs Operette Tangokönigin auf. Laut dem "Schellack-Papst" Christian Zwarg ist diese Aufnahme jedoch bereits im Frühjahr 1922 entstanden, bald nach der Uraufführung der Operette am 9. September 1921 im Apollo-Theater in Wien.

 

In den Wintersaisonen 1931/32 und 1932/33 musizierte er in einem Quartett als Hauskapelle in der „Erholungs- und diätischen Kuranstalt Chantarela“ in St. Moritz in der Schweiz als Konzert- und Tanzkapelle (Abbildung oben). Das erhaltene Zeugnis spricht von „vorzüglichen Leistungen“ und „hervorragend guter Musik“.

 

In den Jahren 1931 bis 1933 wird die „Kapelle Michael Weiß“ sehr oft in den Konzertprogrammen von Radio Wien erwähnt. Vom November 1933 bis 1937 scheint Michael Weiß dann als Dirigent einer sog. „Notstandskapelle“ in Wien auf. Solche Kapellen wurden organisiert, um arbeitslose Musiker zu beschäftigen. Auch sie ist in den Programmen von Radio Wien häufig nachweisbar, meist um die Mittagszeit oder am späteren Abend. In den Programmen scheinen auch das Potpourri Mit dem Überraschungszug und der Mariannen-Walzer von Michael Weiß auf.

 

Im Dezember 1935 hat Michael Weiß eine Konzertpolka für Solofagott Der kleine Tanzbär geschrieben (Abbildung erste Seite des Soloparts; Autograf). Mit dem 21. Juni 1946 ist ein Lied für Singstimme und Klavier datiert, das offensichtlich für den Wettbewerb des Unterrichtsministeriums für die österreichische Bundeshymne eingereicht wurde (Abbildung unten, Anfang). Zumindest trägt eines der beiden erhaltenen Exemplare den Stempel des Ministeriums.

 

Am 14. November 1951 starb Michael Weiß in Wien. Das Österreichische Musiklexikon ergänzt dieses Datum durch die Bemerkung „Freitod“. Begraben wurde Weiß an seinem 73. Geburtstag am Friedhof Neustift am Walde.

 

Sowohl sein Sohn Erich Weis (sic, 1904-1962) als auch sein Enkel Helmut Weiß (geb. 1937) wurden Musiker und waren beide Bratschisten bei den Wiener Philharmonikern.

 

Quellen: Nachlass der Urenkelin Marion Weiß, Josef Damański, Die Militär-Kapellmeister Oesterreich-Ungarns. Illustriertes biographisches Lexikon (Schematismus), Wien-Prag-Budapest, 1904, S. 62; Grundbuch des Militärkapellmeister-Pensionsvereines, Bd. 3, Fol. 159, Reichenberger Zeitung, Gablonzer Zeitung, Österreichisches Musiklexikon (Weis [Weiß], Familie) und die dort zitierte Literatur

 

Ein herzlicher Dank gilt Frau Marion Weiß und und Herrn Prof. Walter Schwanzer für die wertvollen Unterlagen.