Militärkapellmeister Kéler Béla

Béla (Albert Pál; Adalbert Paul) Kéler (von Keller) kam am 13. Februar 1820 in Bartfeld (Bártfa, Ungarn; heute Bardejov, Slowakei) zur Welt. Als patriotisch gesinnter Ungar verwendete er auf seinen Konzertankündigungen und Notendrucken die ungarische Namensform mit vorangestelltem Familiennamen: Kéler Béla.

 

Bereits als Knabe spielte Kéler Violine; das Klavierspiel soll er sich selbst beigebracht haben. Nach bestandener Matura in Leutschau – damals im Königreich Ungarn, heute Levoča in der Slowakei – studierte er Rechtswissenschaften und gründete daneben einen Singkreis sowie ein Orchester. Auf Wunsch seines Vaters, der einer wohlhabenden evangelischen Familie entstammte, arbeitete er zunächst auf den Landgütern seiner engeren Heimat. Gleichzeitig bildete er sich als Autodidakt in Musiktheorie weiter, vor allem anhand der Schriften Johann Georg Albrechtsbergers. Schließlich widmete er sich ganz der Musik, wurde Theatermusiker in Eperjes, dem heutigen Prešov in der Slowakei, und erteilte Musikunterricht.

 

Im Alter von 25 Jahren übersiedelte Kéler nach Wien. Dort spielte er im Orchester des Theaters an der Wien und studierte bei Simon Sechter. 1854 übernahm er in Berlin als Nachfolger Joseph Gungls dessen berühmte Kapelle. Mit seinen Tanzkompositionen konnte Kéler dort große Erfolge feiern. Im folgenden Jahr leitete er in Wien die Kapelle des früh verstorbenen August Lanner.

 

Vom 1. August 1856 bis Anfang 1860 war Kéler Militärkapellmeister beim Infanterieregiment Nr. 10, das zunächst in Wien stationiert war. Mit dem Regiment nahm er 1859 auch am Feldzug in Oberitalien teil.

 

Im März 1860 gründete Kéler Béla in Pest, heute ein Teil von Budapest, ein eigenes Orchester. 1863 folgte er einem Ruf nach Wiesbaden, wo er Musikdirektor des 2. Regiments des Herzogs von Nassau wurde. Von 1867 bis 1870 sowie erneut ab 1872 lebte er ohne feste Anstellung und unternahm Konzertreisen durch Deutschland sowie nach England, Dänemark, in die Niederlande und in die Schweiz. Kéler Béla starb am 20. November 1882 in Wiesbaden.

 

Kéler Bélas von Magyarismen geprägten Kompositionen kommt innerhalb der Tanz- und Unterhaltungsmusik des 19. Jahrhunderts besondere Bedeutung zu. Der Musikwissenschaftler Edmund Nick bezeichnete sie als „formgerecht und wohlklingend“. Im umfangreichsten deutschsprachigen Musiklexikon des 19. Jahrhunderts, dem von Hermann Mendel begründeten und von August Reissmann fortgeführten Musikalischen Conversations-Lexikon, galt Kéler bereits als „beliebter Tanzcomponist und Orchesterdirigent“.

 

Das von Joseph Kanz in Wiesbaden zusammengestellte Werkverzeichnis Kéler Bélas, das uns dankenswerterweise von Werner Probst übermittelt wurde, enthält 139 Opuszahlen mit 129 nachweisbaren Werken. Hinzu kommen 25 Kompositionen ohne Opuszahl. Die umfangreichsten Werkgruppen bilden die Märsche mit 35, die Walzer mit 27 und die Csárdás-Kompositionen mit 20 Werken. Zu den Walzern gehört auch Am schönen Rhein op. 83. Darüber hinaus komponierte Kéler zahlreiche Polkas und Galoppe.

 

Großen Erfolg hatte er auch mit seinen insgesamt zehn Ouvertüren. Dazu zählen die Ungarische Lustspielouvertüre op. 108, die Französische Lustspielouvertüre op. 111 und die Italienische Schauspiel-Ouvertüre op. 131. Mehrere seiner Ouvertüren wurden bereits 1954 in die erste Selbstwahlliste für Konzertmusikbewertungen der „Arbeitsgemeinschaft der Blasmusik-Landesverbände“ aufgenommen, aus der 1959 der Österreichische Blasmusikverband hervorging.

 

Der lange Zeit Anton Bruckner zugeschriebene Apollo-Marsch wurde von Werner Probst als Kéler Bélas Mazzuchelli-Marsch op. 22 identifiziert. Das Werk wurde 1857 dem Regimentsinhaber, Feldzeugmeister Alois Graf Mazzuchelli (1776–1868), gewidmet. Einer bislang nicht durch zeitgenössische Quellen bestätigten Überlieferung zufolge soll dieser Marsch den ersten Preis bei einem von Armeekapellmeister Andreas Leonhardt veranstalteten Wettbewerb erhalten haben.

 

Bemerkenswert ist auch das ebenfalls 1857 komponierte militärische Tongemälde Soldatenleben op. 62 mit dem französischen Untertitel Retraite autrichienne. Das Werk besteht aus den Abschnitten „Anbruch der Nacht“, „Des Kriegers Liebesständchen“, „Marsch (Retraite)“, „Gebet vor der Schlacht!“ und „Finale“. Es erschien in verschiedenen Ausgaben, erstmals 1864 bei Schott in Mainz. Bei Printmusic liegt auch eine neuere Ausgabe für symphonisches Blasorchester vor.

 

Das wahrscheinlich erfolgreichste Werk Kéler Bélas ist der Csárdás Bártfai emlék (Erinnerung an Bartfeld) op. 31. Ein wesentlicher Teil seines musikalischen Materials fand Eingang in den berühmten Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms.

 

Eine repräsentative Auswahl an Aufnahmen von Kélers Kompositionen findet sich in den verlinkten Playlists auf Spotify und YouTube. Außerdem sind zahlreiche Notenausgaben für Blasorchester erhältlich; eine Übersicht bietet die Datenbank Musicainfo.net. Informationen in ungarischer, slowakischer und englischer Sprache sind auch auf der Seite www.belakeler.eu zu finden.

 

Literatur (Auswahl): Wolfgang Suppan, „Kéler Béla - Weltbürger aus Ungarn“, Österreichische Blasmusik, Jg. 19, Heft 9 (November 1971), S. 3; Österreichisches Musiklexikon; Wikipedia