Josef Franz Wagner (1856–1908) war Militärkapellmeister bei den k.u.k. Infanterieregimentern Nr. 47 und 49. Im Jahr 1899 gründete er eine erfolgreiche Privatkapelle, die zu den besten Wiens zählte. Bereits seine Zeitgenossen bezeichneten ihn als „Österreichischen Marschkönig“ oder „Wiener Marschkönig“.
Während sein Marsch op. 159 Unter dem Doppeladler bis heute regelmäßig aufgeführt wird, ist der Gigerl-Marsch op. 150 aus den Konzertprogrammen weitgehend verschwunden, obwohl der Originalverleger Rebay & Robitschek in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits über 300.000 Notenausgaben verkauft hatte.
Von 1878 bis Herbst 1881 sowie von Herbst 1882 bis 1888 war Wagner als Militärkapellmeister des Infanterieregiments Nr. 47 („47er“) in Marburg an der Drau (heute Maribor, Slowenien) stationiert. Am 8. Dezember 1887 beschloss er eines seiner zahlreichen Konzerte in der Casino-Restauration mit einem neuen Marsch, der sich bald als großer Erfolg erweisen sollte: dem Gigerl-Marsch op. 150.
Als „Gigerl“ bezeichnete man im Wien des 19. Jahrhunderts den Typus eines leichtfertigen, vergnügungssüchtigen Modegecken – einen von sich selbst eingenommenen Dandy, der sich gegenüber dem schönen Geschlecht für unwiderstehlich hielt.
Wagners Marsch enthält im Trio einen Liedtext, der vom Bühnenschriftsteller Josef Doppler (1818–1891) verfasst wurde, einem Autor zahlreicher Possen, Singspiele und Operettenlibretti. Allerdings waren Wagner und Doppler nicht die ersten, die mit dem „Gigerl“ die modischen Torheiten ihrer Zeit satirisch aufgriffen. Bereits am 14. September 1829 wurde im Leopoldstädter Theater in Wien die zweiaktige Parodie Julerl, die Putzmacherin uraufgeführt, ein Werk von Karl Meisl (Text; 1775–1853) und Adolf Müller sen. (Musik; 1801–1886), in dem die „Gigerln“ bereits Gegenstand des Spotts waren.
Als unmittelbare Inspirationsquelle für Wagner gilt mit großer Wahrscheinlichkeit der Journalist und Feuilletonist Eduard Pötzl (1851–1914). Seit 1874 Redakteur beim Neuen Wiener Tagblatt, profilierte er sich als Meister der Lokalskizze, die er teilweise im Wiener Dialekt verfasste. Seine humoristisch-satirischen Texte fanden rasch ein breites Publikum und vermitteln bis heute ein anschauliches Bild des Wiener Alltagslebens in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Neben seiner journalistischen Tätigkeit behandelte er die Figur des „Gigerl“ auch in seinen seit der Mitte der 1880er Jahre erschienenen Werken, etwa in Rund um den Stephansturm unter den „Wiener Typen“ sowie in Der Herr von Nigerl.
Wagners Komposition verbreitete sich rasch und fand großen Anklang beim Publikum. Der Volkssänger Carl Lorens (1851–1909) erkannte früh den Reiz der Melodie und verfasste unter dem Titel Die Gigerl von Wien einen neuen Text zur Triomelodie, der mit der Zeile „Gigerl sein – das ist fein“ einsetzte.
In der Folge entwickelte sich eine regelrechte „Gigerl-Manie“, die sich in zahlreichen Kompositionen und Bühnenwerken niederschlug. Besonders erfolgreich war die Lokalposse mit Gesang Die Gigerl von Wien in vier Akten von Josef Wimmer (1834–1903) mit Musik von Karl Kleiber (1838–1902), die im Theater in der Josefstadt zur Aufführung gelangte und dort hunderte Male gespielt wurde. Eine Neubearbeitung durch Alexander Steinbrecher (1910–1982) aus dem Jahr 1941 hielt sich bis in die jüngere Vergangenheit im Repertoire. Noch 1999 wurde das Stück im Stadttheater Baden aufgeführt, und auch in der Saison 2004/2005 stand es im Theater in der Josefstadt auf dem Spielplan. Zentrales musikalisches Element des Bühnenwerks ist der Gigerl-Marsch von Josef Franz Wagner, dessen Trio wiederholt eingesetzt wird.
An die „Gigerl“ erinnert im Wien des 21. Jahrhunderts unter anderem der traditionsbewusste „Stadtheurige Gigerl“ in der Rauhensteingasse 3.
Eine Notenausgabe für Blasorchester ist im Musikverlag Abel (Arr. Walter Schwanzer) erschienen. Aufnahmen des Marsches von der Stadtmusik Wien unter Gustav Fischer sind u.a. in Spotify und YouTube vorhanden.
Literatur: Friedrich Anzenberger (gemeinsam mit Elisabeth Anzenberger-Ramminger), Der Marschkönig Josef Franz Wagner, Rohrendorf bei Krems: Walter Schwanzer Musikverlage, 2006, S. 29-32.
