Carl Wilhelm Drescher - meist werden seinen Vornamen nur abgekürzt als „C. W. Drescher“ oder auch als „W. C. Drescher“ wiedergegeben - kam am 12. Dezember 1850 in Wien zur Welt. Er war Chorknabe an der Wiener Hofoper und Chorist am Kärntnerthortheater und studierte gleichzeitig am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Violine bei Joseph Hellmesberger sen. Bereits mit 16 Jahren war Drescher Primgeiger der Kapelle von Joseph Fahrbach. Von 1868 bis 1869 spielte er in der Strauss-Kapelle und zeitweise auch bei Johann Schrammel.
Drescher diente von 1869 bis 1872 als Primgeiger und Harfinist beim K.u.K. Infanterie-Regiment Nr. 54, wo er – nach dem Nachruf in der Deutschösterreichischen Tages-Zeitung – auch Militärkapellmeister gewesen sein soll. Hier ist zwar Joseph Hikl von 1870 bis 1899 als Kapellmeister nachweisbar, es ist aber gut möglich, dass Drescher, der das Wiener „Unterhaltungsgeschäft“ durch seine Tätigkeit bei Fahrbach, Strauss und Schrammel gut kannte, zumindest eine „Abteilung“ der geteilten Militärkapelle leitete, wenn mehrere Auftritte zeitgleich stattfanden. Danach spielte Drescher wieder im Strauss-Orchester und im Salonorchester von Carl Mangold. Bei der Eröffnung des Ringtheaters 1874 war er Mitglied des Theaterorchesters.
Im September 1874 gründete Drescher mit der „Kapelle Amusement“ (Abbildung oben) sein eigenes Ensemble in der Tradition der Strauss-Kapelle. Schon im folgenden Jahr trat er auch als „Wiener Salonkapelle C. W. Drescher“ auf und spielte im Wiener Musikvereinssaal beim „Ersten großen Elite-Maskenball“ gemeinsam mit der Strauss-Kapelle und der Militärmusik des Infanterie-Regiments Nr. 29 „Graf Thun-Hohenstein“.
Über mehrere Jahrzehnte ist Carl Wilhelm Drescher trotz großer Konkurrenz - u. a. durch die Strauss-Kapelle und die Militärkapellen - in unzähligen Wiener Vergnügungs-Etablissements als Ball- und Konzertorchester zu finden, besonders hervorzuheben sind seine Auftritte in der Wiener Gartenbau-Gesellschaft und in der 1895 gegründeten Kulissenstadt „Venedig in Wien“. Er nahm im Wiener Unterhaltungsleben eine zentrale Rolle ein. Gastspiele führten seine Kapelle u. a. nach London, Baden-Baden und Berlin.
1900 erhielt Drescher die Salvatormedaille der Stadt Wien, eine damals prestigeträchtige Auszeichnung für Verdienste um das Wiener Musikleben. Um 1920 zog er sich aus dem aktiven Kapellmeisterdienst zurück. Am 23. Mai 1925 dirigierte er noch einmal beim Fiakerjubiläumsfest im Dreherpark in Wien. Carl Wilhelm Drescher starb am 8. Dezember 1925 in Wien; er erhielt ein ehrenhalber gewidmetes Grab am Wiener Zentralfriedhof (Gr. 33A, R. 1, Nr. 24). 1938 wurde in Wien-Simmering die Karl-Drescher-Gasse nach ihm benannt.
Carl Wilhelm Drescher komponierte zahlreiche Märsche, Tänze, Salonmusik und Wienerlieder, darunter den Grinzinger Marsch op. 135, den Walzer op. 66 Das ist mein Wien (nach Motiven beliebter Wienerlieder), die Polka française op. 108 Wiener Mode, die Polka Mazur op. 109 Romantisch und die Polka schnell op. 29 Pick-Fein. Zum 200-Jahr-Jubiläm des Infanterie-Regiments Nr. 4 „Hoch und Deutschmeister“ 1896 komponiert er das Deutschmeisterlied I bin a alter Spleni (Text von Eduard Merkt).
Im März 1898 kündigte der Musikalisch-literarische Monatsbericht über neue Musikalien, musikalische Schriften und Abbildungen die Klavierausgabe von Dreschers Marsch Linzer Buam im Wiener Musikverlag Blaha an (Abbildung des Titelblattes aus dem Archiv Walter Schwanzer). Im Jänner 1899 wurde dann die Orchesterausgabe im Arrangement von Franz Hunyaczek im selben Verlag angekündigt.
Dieser Marsch wurde die erfolgreichste Komposition von Carl Wilhelm Drescher. Im Trio des Marsches wird das damals populäre Volkslied „Wir san ja Landsleit, Linzerische Buama“ verarbeitet, das auch als Flügelhornsolo in der Bearbeitung von Carl Lorens in zeitgenössischen Konzertprogrammen zu finden war. Der Text im oberösterreichischen Dialekt bedeutet „Wir sind ja Landsleute, Linzerische Buben/Burschen; „Linzerisch“ bezieht sich auf die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz an der Donau.
Moderne Blasmusikausgaben des Linzer Buam und des Grinzinger Marsches sind im Musikverlag Karl Kautzky erhältlich. Eine Aufnahme des Marsches Linzer Buam, eingespielt von der Militärmusik Oberösterreich unter Harald Haselmayr ist u. a. auf YouTube und Spotify verfügbar.
Quellen (Auswahl): Österreichische Illustrierte Zeitung vom 18.12.1910; Wiener Zeitung vom 10.12.1925; Neues Wiener Tagblatt vom 9.12.1925; Deutschösterreichische Tages-Zeitung vom 10.12.1925, Neues Fremdenblatt vom 10.01.1875, Illustriertes Wiener Extrablatt vom 09.11.1874; Österreichisches Musiklexikon; Wikpedia.
