Im Rahmen der „Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen“ 1892 in Wien gab es ein viel bewundertes „Alt-Wien“ mit historisch-rekonstruierten, bemalten und plastischen Theaterdekorationen, das 1893 als „Old Vienna“ nach Chicago transferiert wurde. Carl Michael Ziehrer, Kapellmeister im K.u.K. Infanterie-Regiment Nr. 4 „Hoch- und Deutschmeister“ in Wien, wurde eingeladen, mit einer 60 Mann starken Kapelle hier zu konzertieren. Die Bedingungen waren sehr vorteilhaft: 8 bis 10 Gulden pro Tag für jeden Musiker, für Ziehrer die Reise 1. Klasse, 20.000 Gulden (heute rund 366.000 Euro!) und die Beteiligung an den Eintrittsgeldern. Den bei Max Schönherr wiedergegebenen Aussagen von Ziehrers Sekretärin Toni Gerlich folgend, hatte er beim Kaiser einen fünfmonatigen Urlaub erwirkt und außerdem die Erlaubnis zum Tragen von historischen Deutschmeisteruniformen (weiße Waffenröcke, blaue Beinkleider) erhalten.
Die Abreise erfolgte am 16. Mai 1893. Es soll in diesem Rahmen ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass Ziehrer nicht mit der Regimentskapelle, sondern mit einem zivilen Orchester, das die oben erwähnten historischen Uniformen trug, in die Vereinigten Staaten gereist ist, da sehr oft zu lesen ist, dass die Deutschmeisterkapelle unter Ziehrer in Amerika konzertiert hat.
Beim Publikum besonders beliebt war der Columbian-March, den Ziehrer dem amerikanischen Präsidenten Grover Cleveland (Abbildung oben) gewidmet hatte und der bei S. Brainard’s Son Co. in Chicago erschienen ist. In Europa erschien eine Ausgabe als Columbus-Marsch bei Aug. Cranz in Hamburg ohne Angabe einer Widmung (Abbildung). Sie trägt die Opusnummer 457, während der Marsch bei der amerikanischen Ausgabe die Opusnummer 502 hat. Der Columbus-Marsch wurde auch in Ziehrers Heimat rasch beliebt und scheint in vielen Programmen der Militär- und Zivilkapellen auf; die „Hoch- und Deutschmeister“ spielten ihn am 13. August 1893 in Hopfner’s Casino (ehem. Etablissement Dommayer, heute Parkhotel Schönbrunn) zum ersten Mal.
Das Neuigkeits-Welt-Blatt vom 29. Dezember 1893 berichtete, dass der - mittlerweile nach Wien zurückgekehrte - Ziehrer sogar ins Weiße Haus eingeladen worden war, wo sich Präsident Grover Cleveland persönlich für die Widmung bedankte. Aufgrund der großen Popularität des Marsches in den Vereinigten Staaten bezeichnete das Blatt der Columbus-Marsch sogar als amerikanischen Radetzky-Marsch.
Am 26. Juni 1899 hat Ziehrer den Columbus-Marsch mit seiner Kapelle in Wien eingespielt und eine der frühesten Grammophon-Aufnahmen geschaffen. Die Schellack kann auch auf YouTube angehört werden.
Eduard Scherzer hat den Columbus-Marsch für modernes Blasorchester bearbeitet, er ist im Donautal-Musikverlag erschienen und über den Musikverlag Kliment zu beziehen. Auf Spotify gibt es Aufnahmen des Marsches vom Ziehrer-Orchester und von der Gardemusik Wien (Blasmusik-Arrangement), beide unter der Leitung von Hans Schadenbauer.
Literatur: Max Schönherr, Carl Michael Ziehrer. Sein Werk - sein Leben - seine Zeit, Wien: Bundesverlag, 1974, S. 399-402; Friedrich Anzenberger, Symposiumsbericht. Symposium zur Musik der „Hoch- und Deutschmeister“ in der Donaumonarchie, Spittal an der Drau, 2016, S. 65-67.
Ein herzlicher Dank gilt Herrn Prof. Walter Schwanzer für die Abbildung des Titelblatts des Marsches sowie für die Informationen zur Schellack-Aufnahme.
